Der Donnerstag, 29. Oktober 2026, wird in Berlin von einem Dokument bestimmt, das nie für die Öffentlichkeit gedacht war, und in Seoul von einem Kanzler, der seine Asienreise an der am stärksten bewachten Grenze der Welt beendet. Dazwischen liegt eine Rentenreform, die weiter auf ihren Gesetzentwurf wartet, ein Mordprozess, der in sein Finale geht, und eine Reihe von Konzernbilanzen, die den Zustand der deutschen Industrie vermessen. Der Bundestag selbst bleibt still: Sitzungswochen im Oktober sind nur der 5. bis 9. und der 12. bis 16. Oktober 2026, die politische Musik spielt also anderswo.
Berlin: Eine Panne im Autorisierungsprozess wird zur Sicherheitsdebatte
Die Geschichte beginnt mit einem Handwerksfehler. Der „Spiegel" hatte zu Beginn der Woche ein Interview mit Elif Eralp geführt. In der autorisierten Fassung, die Eralps Sprecher an den „Spiegel" zurücksandte, seien versehentlich noch interne Anmerkungen der Linken-Politikerin und ihrer Mitarbeiter enthalten gewesen. Was da stand, hat Sprengkraft: Der Spiegel zitierte aus einem internen Vermerk Eralps, wonach ihr Ehemann und sie „Angst vor diesen Leuten" hätten. Bezogen sein soll diese Äußerung auf den Hamas-Sympathisanten Ibrahim Ibrahim. Dieser Mann ist in Berlin kein Unbekannter: Der Palästina-Aktivist war nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus im September bei der Linken-Wahlparty in Neukölln erschienen, und er gilt als Gesicht der Anti-Israel-Proteste in Berlin. Die Wahlparty war schon vorher Gesprächsstoff: So machte das Auftauchen des Clan-Chefs Remmo an der Wahlparty der Linken von sich reden.
Brisant ist der Vorgang, weil Eralp nicht irgendeine Abgeordnete ist, sondern die Berliner Linken-Spitzenkandidatin und Favoritin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin. Im Interview selbst hatte sie sich zum Antisemitismusproblem ihrer Partei durchaus geäußert: Das ganze Ausmaß des Problems sei ihr nicht bewusst gewesen. Sie habe gewusst, dass vor allem im Bezirksverband Neukölln viele ihrer Parteifreunde beim Thema Palästina sehr engagiert seien. Die Namen aber wollte sie nicht nennen, und der Grund dafür steht nun in der Zeitung.
Am Rande der konstituierenden Sitzung des Abgeordnetenhauses trat Eralp dann vor die Presse. „Ich werde mich von niemandem einschüchtern lassen", sagte Eralp am Donnerstag vor Journalisten. Zum Bericht selbst wollte sie sich nicht direkt äußern, es handle sich um „private, interne Inhalte". Dass man sich Sorgen um seine Familie mache, sei normal. Das sei auch eine Folge der Debatten der vergangenen Wochen. Zugleich gab sie ein Versprechen ab: Sie werde „mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln" gegen Organisierte Kriminalität sowie gegen Organisationen, die Gewalt verherrlichten, und gegen Gewalt und Terror vorgehen. „Dieser Kampf hat für mich und auch die künftige Koalition oberste Priorität", sagte die Politikerin.
Die Reaktionen verlaufen entlang der bekannten Linien, aber nicht nur. Aus der Union kommt der Vorwurf der Blindheit auf dem linken Auge: Nach den Worten des CDU-Politikers Henrichmann bräuchten die Sicherheitsbehörden „auch zum Schutz der Familie von Frau Eralp Mittel und Rückendeckung, um jede Form extremistischer, ... Bestrebungen zu bekämpfen. Schärfer formulierte es ein weiterer Kritiker im Tagesspiegel-Liveblog: Eine Partei, deren Spitze sich nicht traue, terroristische Gefahren beim Namen zu nennen, sei den „sicherheitspolitischen Aufgaben einer Landesregierung nicht gewachsen", sagte er. Der Linken-Spitzenkandidatin gab er in einem Punkt recht: Vor Ibrahim Ibrahim müsse man Angst haben. Die Koalitionspartner in spe halten dagegen: „Das gilt gerade auch für eine künftige rot-grün-rote Koalition", sagte Jarasch am Donnerstag im Berliner Abgeordnetenhaus, und Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sagte dem Tagesspiegel: „Ich nehme die Äußerung von Elif Eralp, dass sie sich bedroht fühlt, ernst.
Interessant ist, dass sich der Zorn der Linken weniger gegen Ibrahim als gegen das Magazin richtet. Der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Bodo Ramelow (Linke), hat die Berichterstattung des „Spiegels" als „mehr als fragwürdig" kritisiert. Und wie das Nachrichtenportal Politico am Donnerstag unter Berufung auf Parteikreise berichtete, plant die Linke, eine Beschwerde beim Deutschen Presserat einzureichen. Der „Spiegel" begründete die Veröffentlichung mit der politischen Tragweite der Aussagen. Das ist der eigentliche Kern des Streits: Im Zentrum steht die Abwägung zwischen dem politischen Informationsinteresse und dem Schutz von Eralps Familie.
Ein Novum im Preußischen Landtag
Fast unter ging dabei, was die konstituierende Sitzung eigentlich brachte. Klein ist die erste Politikerin ihrer Partei in dem Amt der Parlamentspräsidentin – und nach Hanna-Renate Laurien und Cornelia Seibeld (beide CDU) die dritte Frau. Dass die Linke, die seit ihrem Wahlsieg im September die Regierungsbildung anführt, nun auch das höchste Amt des Landesparlaments besetzt, zeigt, wie sehr sich die Machtverhältnisse in der Hauptstadt verschoben haben. Für die Union, die bis vor wenigen Wochen den Regierenden Bürgermeister stellte, ist es der zweite symbolische Verlust innerhalb eines Herbstes.
Seoul: Der Kanzler beendet seine Reise an der Demarkationslinie
Während Berlin über eine Interviewnotiz streitet, ist der Kanzler am anderen Ende der Welt angekommen. Friedrich Merz fliegt am Donnerstag vom japanischen Tokio nach Südkorea, der dritten und letzten Station seiner fünftägigen Asienreise. In der Hauptstadt Seoul wird er Präsident Lee Jae Myung zu einem Gespräch und anschließend zu einem Arbeitsessen treffen. Am Freitag eröffnet Merz in Seoul die 19. Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft, zu der bis zu 1.000 hochrangige Teilnehmer aus Deutschland und dem indopazifischen Raum erwartet werden. Das Programm hat auch eine symbolische Seite: Der Kanzler wird auch die entmilitarisierte Zone an der Grenze zu Nordkorea und eine Universität besuchen.
Der Hintergrund der Reise ist eine strategische Neuausrichtung. Die Stationen Singapur, Japan und Südkorea sind bewusst gewählt: Deutschland will seine wirtschaftlichen Beziehungen breiter aufstellen und die Abhängigkeit von China in wichtigen Industriezweigen verringern. In Tokio ging es am Vortag um Substanz: Nach Angaben aus Regierungskreisen sollten bei dem Besuch mehrere Absichtserklärungen abgegeben werden, unter anderem zur Zusammenarbeit in den Bereichen Hochtechnologie, wichtige Rohstoffe, Halbleiter, Wasserstoff und Forschung. Außerdem sei „eine zweistellige Zahl" von Unternehmensvereinbarungen geplant, die zusammen im Milliardenbereich liegen würden. Und ein Thema, das in Europa lange tabu war, steht inzwischen offen auf der Agenda: Nach dem Scheitern des deutsch-französischen Kampfjet-Projekts FCAS sucht Deutschland neue Kooperationspartner. Es wird ein Einstieg in das GCAP-Programm geprüft, an dem bisher neben Japan auch Großbritannien und Italien beteiligt sind.
Die Reise hat ein Gegenstück, das in Berlin genau beobachtet wird: Sie fällt zeitlich zusammen mit einem Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in China. Aus Regierungskreisen hieß es, der China-Besuch werde „mutmaßlich auch stark dadurch geprägt sein, dass er stattfindet zu einem Moment, zu dem Deutschland seine China-Politik neu austariert". Die Gestaltung der Beziehungen zu China sei „eine Daueraufgabe". Steinmeier selbst wählte in Peking deutliche Worte: Die internationale Ordnung sei angegriffen wie nie, sagte er in einer Rede an der Peking-Universität. „Es droht Regellosigkeit. Darin sehe ich eine große Gefahr für uns alle."
Brüssel und Ottawa: Ein Wort, das nicht in der Erklärung stehen darf
Eine dritte Fernbeziehung beschäftigt den Kanzler, ohne dass er anwesend ist. Wie die Deutsche Presse-Agentur von Diplomaten in Brüssel erfuhr, sorgten Merz und mehrere andere Staats- und Regierungschefs von EU-Ländern dafür, dass die Begriffe „assoziierte Mitgliedschaft" und „assoziiertes Mitglied" aus dem Entwurf für die geplante Abschlusserklärung des an diesem Donnerstag beginnenden EU-Kanada-Gipfels gestrichen wurden. Die Episode zeigt, wie empfindlich die Hauptstädte inzwischen auf alles reagieren, was nach einer informellen Erweiterung der Union aussieht, gerade in einer Phase, in der um den EU-Haushalt ohnehin hart gerungen wird.
Rente: Drei Konflikte und ein Termin
Zu Hause bleibt die Rentenreform die Baustelle, die sich seit dem Ministerwechsel nicht geschlossen hat. Die Lage lässt sich inzwischen präzise beschreiben: Union und SPD müssen sich auf Änderungen bei der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren, der Absicherung von Minijobs und der Altersversorgung von Abgeordneten verständigen. Bundesarbeitsminister Alexander Schweitzer (SPD) soll bis Ende 2026 einen gemeinsamen Gesetzentwurf für das Kabinett vorbereiten, damit der Bundestag im ersten Quartal 2027 darüber abstimmen kann. Der Druck von der Gewerkschaftsseite ist dabei unübersehbar: Verdi-Chef Werneke fordert in den Funke-Medien einen Gesetzentwurf, „der auf die Anhebung des Renteneintrittsalters verzichtet" und „die Rente für besonders langjährig Versicherte mit 45 Beitragsjahren erhält". Zudem müsse das Rentenniveau bei 48 Prozent über das Jahr 2031 hinaus stabilisiert und ausgebaut werden. Seine Rechnung: Die rund zehn Milliarden Euro, die die Abschaffung der Rente mit 63 einsparen soll, entsprächen „ungefähr 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte beim Rentenversicherungsbeitrag". Der Minister selbst hält sich alle Optionen offen: Schweitzer hat kein fertiges Modell vorgelegt. Er hat weder erklärt, dass die bisherige Regelung unverändert bestehen bleibt, noch eine neue Altersgrenze oder andere Zugangsvoraussetzungen genannt.
Gerichtssaal, Zivilschutz, Bilanzen
Abseits der Politik erreicht ein Prozess, der das Land seit Monaten bewegt, seinen Höhepunkt. Im Fall Fabian plädierte die Anklage auf Mord und beantragte zudem die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld der 30-Jährigen. Die Angeklagte hat die Tatvorwürfe abgestritten. Am Freitag soll die Verteidigung plädieren. Das Urteil könnte damit bereits in der Woche vom 2. November fallen.
Dass Krisenvorsorge inzwischen Infrastruktur braucht, zeigt eine Eröffnung des Roten Kreuzes: Mit der Lagerung und schnellen Bereitstellung von Hilfsgütern soll der DRK-„Bevölkerungsschutz-Hub" für die nationale Krisenvorsorge eine Schlüsselrolle einnehmen und auch international schnell Hilfe bereitstellen können. Aus dem Einzelhandel kommt eine ungewöhnliche Meldung: Wegen Protesten am Samstag schließt Douglas zwölf Filialen, also am 31. Oktober. Und in einem Wildpark hat eine Wolfsattacke Ermittlungen gegen eine Mitarbeiterin ausgelöst.
Die Wirtschaft legt an diesem Tag ihre Karten auf den Tisch: Auf dem Terminkalender standen unter anderem Kion, Wacker Chemie, Volkswagen Group, Adidas, Aixtron, Drägerwerk und MTU Aero Engines mit Quartalszahlen, dazu Wirtschafts- und Industrievertrauen sowie Verbrauchervertrauen für den Euroraum. Gerade die Zahlen aus Wolfsburg sind das Thermometer für die Debatte um Verbrenner, Zölle und Standort, die der Kanzler in Asien führt.
Der Blick über die Grenzen
International dominiert der Nachhall der brasilianischen Stichwahl: Nach seiner illegalen Ausreise in die USA prangert der unterlegene brasilianische Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro „abscheulichen Wahlbetrug" der Linken an und will aus dem Ausland die Opposition in seiner Heimat anführen. In Israel ist das Ergebnis offen: Am Donnerstag wird das vorläufige amtliche Endergebnis erwartet. Schon jetzt ist erkennbar, dass die Verhandlungen über eine Regierungsbildung kompliziert werden dürften. Und aus Washington kommen Signale der Entspannung: Die US-Regierung und regionale Vermittler haben Medienberichten zufolge neue Anstrengungen für eine diplomatische Lösung des Konflikts mit dem Iran unternommen. In der Ukraine dagegen bleibt der Krieg Alltag: In der Frontstadt Oleschky laufen Vorbereitungen für eine Evakuierung.
Der Donnerstag, 29. Oktober 2026, wird in Berlin von einem Dokument bestimmt, das nie für die Öffentlichkeit gedacht war, und in Seoul von einem Kanzler, der seine Asienreise an der am stärksten bewachten Grenze der Welt beendet. Dazwischen liegt eine Rentenreform, die weiter auf ihren Gesetzentwurf wartet, ein Mordprozess, der in sein Finale geht, und eine Reihe von Konzernbilanzen, die den Zustand der deutschen Industrie vermessen. Der Bundestag selbst bleibt still: Sitzungswochen im Oktober sind nur der 5. bis 9. und der 12. bis 16. Oktober 2026, die politische Musik spielt also anderswo.
Berlin: Eine Panne im Autorisierungsprozess wird zur Sicherheitsdebatte
Die Geschichte beginnt mit einem Handwerksfehler. Der „Spiegel" hatte zu Beginn der Woche ein Interview mit Elif Eralp geführt. In der autorisierten Fassung, die Eralps Sprecher an den „Spiegel" zurücksandte, seien versehentlich noch interne Anmerkungen der Linken-Politikerin und ihrer Mitarbeiter enthalten gewesen. Was da stand, hat Sprengkraft: Der Spiegel zitierte aus einem internen Vermerk Eralps, wonach ihr Ehemann und sie „Angst vor diesen Leuten" hätten. Bezogen sein soll diese Äußerung auf den Hamas-Sympathisanten Ibrahim Ibrahim. Dieser Mann ist in Berlin kein Unbekannter: Der Palästina-Aktivist war nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus im September bei der Linken-Wahlparty in Neukölln erschienen, und er gilt als Gesicht der Anti-Israel-Proteste in Berlin. Die Wahlparty war schon vorher Gesprächsstoff: So machte das Auftauchen des Clan-Chefs Remmo an der Wahlparty der Linken von sich reden.
Brisant ist der Vorgang, weil Eralp nicht irgendeine Abgeordnete ist, sondern die Berliner Linken-Spitzenkandidatin und Favoritin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin. Im Interview selbst hatte sie sich zum Antisemitismusproblem ihrer Partei durchaus geäußert: Das ganze Ausmaß des Problems sei ihr nicht bewusst gewesen. Sie habe gewusst, dass vor allem im Bezirksverband Neukölln viele ihrer Parteifreunde beim Thema Palästina sehr engagiert seien. Die Namen aber wollte sie nicht nennen, und der Grund dafür steht nun in der Zeitung.
Am Rande der konstituierenden Sitzung des Abgeordnetenhauses trat Eralp dann vor die Presse. „Ich werde mich von niemandem einschüchtern lassen", sagte Eralp am Donnerstag vor Journalisten. Zum Bericht selbst wollte sie sich nicht direkt äußern, es handle sich um „private, interne Inhalte". Dass man sich Sorgen um seine Familie mache, sei normal. Das sei auch eine Folge der Debatten der vergangenen Wochen. Zugleich gab sie ein Versprechen ab: Sie werde „mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln" gegen Organisierte Kriminalität sowie gegen Organisationen, die Gewalt verherrlichten, und gegen Gewalt und Terror vorgehen. „Dieser Kampf hat für mich und auch die künftige Koalition oberste Priorität", sagte die Politikerin.
Die Reaktionen verlaufen entlang der bekannten Linien, aber nicht nur. Aus der Union kommt der Vorwurf der Blindheit auf dem linken Auge: Nach den Worten des CDU-Politikers Henrichmann bräuchten die Sicherheitsbehörden „auch zum Schutz der Familie von Frau Eralp Mittel und Rückendeckung, um jede Form extremistischer, ... Bestrebungen zu bekämpfen. Schärfer formulierte es ein weiterer Kritiker im Tagesspiegel-Liveblog: Eine Partei, deren Spitze sich nicht traue, terroristische Gefahren beim Namen zu nennen, sei den „sicherheitspolitischen Aufgaben einer Landesregierung nicht gewachsen", sagte er. Der Linken-Spitzenkandidatin gab er in einem Punkt recht: Vor Ibrahim Ibrahim müsse man Angst haben. Die Koalitionspartner in spe halten dagegen: „Das gilt gerade auch für eine künftige rot-grün-rote Koalition", sagte Jarasch am Donnerstag im Berliner Abgeordnetenhaus, und Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sagte dem Tagesspiegel: „Ich nehme die Äußerung von Elif Eralp, dass sie sich bedroht fühlt, ernst.
Interessant ist, dass sich der Zorn der Linken weniger gegen Ibrahim als gegen das Magazin richtet. Der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Bodo Ramelow (Linke), hat die Berichterstattung des „Spiegels" als „mehr als fragwürdig" kritisiert. Und wie das Nachrichtenportal Politico am Donnerstag unter Berufung auf Parteikreise berichtete, plant die Linke, eine Beschwerde beim Deutschen Presserat einzureichen. Der „Spiegel" begründete die Veröffentlichung mit der politischen Tragweite der Aussagen. Das ist der eigentliche Kern des Streits: Im Zentrum steht die Abwägung zwischen dem politischen Informationsinteresse und dem Schutz von Eralps Familie.
Ein Novum im Preußischen Landtag
Fast unter ging dabei, was die konstituierende Sitzung eigentlich brachte. Klein ist die erste Politikerin ihrer Partei in dem Amt der Parlamentspräsidentin – und nach Hanna-Renate Laurien und Cornelia Seibeld (beide CDU) die dritte Frau. Dass die Linke, die seit ihrem Wahlsieg im September die Regierungsbildung anführt, nun auch das höchste Amt des Landesparlaments besetzt, zeigt, wie sehr sich die Machtverhältnisse in der Hauptstadt verschoben haben. Für die Union, die bis vor wenigen Wochen den Regierenden Bürgermeister stellte, ist es der zweite symbolische Verlust innerhalb eines Herbstes.
Seoul: Der Kanzler beendet seine Reise an der Demarkationslinie
Während Berlin über eine Interviewnotiz streitet, ist der Kanzler am anderen Ende der Welt angekommen. Friedrich Merz fliegt am Donnerstag vom japanischen Tokio nach Südkorea, der dritten und letzten Station seiner fünftägigen Asienreise. In der Hauptstadt Seoul wird er Präsident Lee Jae Myung zu einem Gespräch und anschließend zu einem Arbeitsessen treffen. Am Freitag eröffnet Merz in Seoul die 19. Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft, zu der bis zu 1.000 hochrangige Teilnehmer aus Deutschland und dem indopazifischen Raum erwartet werden. Das Programm hat auch eine symbolische Seite: Der Kanzler wird auch die entmilitarisierte Zone an der Grenze zu Nordkorea und eine Universität besuchen.
Der Hintergrund der Reise ist eine strategische Neuausrichtung. Die Stationen Singapur, Japan und Südkorea sind bewusst gewählt: Deutschland will seine wirtschaftlichen Beziehungen breiter aufstellen und die Abhängigkeit von China in wichtigen Industriezweigen verringern. In Tokio ging es am Vortag um Substanz: Nach Angaben aus Regierungskreisen sollten bei dem Besuch mehrere Absichtserklärungen abgegeben werden, unter anderem zur Zusammenarbeit in den Bereichen Hochtechnologie, wichtige Rohstoffe, Halbleiter, Wasserstoff und Forschung. Außerdem sei „eine zweistellige Zahl" von Unternehmensvereinbarungen geplant, die zusammen im Milliardenbereich liegen würden. Und ein Thema, das in Europa lange tabu war, steht inzwischen offen auf der Agenda: Nach dem Scheitern des deutsch-französischen Kampfjet-Projekts FCAS sucht Deutschland neue Kooperationspartner. Es wird ein Einstieg in das GCAP-Programm geprüft, an dem bisher neben Japan auch Großbritannien und Italien beteiligt sind.
Die Reise hat ein Gegenstück, das in Berlin genau beobachtet wird: Sie fällt zeitlich zusammen mit einem Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in China. Aus Regierungskreisen hieß es, der China-Besuch werde „mutmaßlich auch stark dadurch geprägt sein, dass er stattfindet zu einem Moment, zu dem Deutschland seine China-Politik neu austariert". Die Gestaltung der Beziehungen zu China sei „eine Daueraufgabe". Steinmeier selbst wählte in Peking deutliche Worte: Die internationale Ordnung sei angegriffen wie nie, sagte er in einer Rede an der Peking-Universität. „Es droht Regellosigkeit. Darin sehe ich eine große Gefahr für uns alle."
Brüssel und Ottawa: Ein Wort, das nicht in der Erklärung stehen darf
Eine dritte Fernbeziehung beschäftigt den Kanzler, ohne dass er anwesend ist. Wie die Deutsche Presse-Agentur von Diplomaten in Brüssel erfuhr, sorgten Merz und mehrere andere Staats- und Regierungschefs von EU-Ländern dafür, dass die Begriffe „assoziierte Mitgliedschaft" und „assoziiertes Mitglied" aus dem Entwurf für die geplante Abschlusserklärung des an diesem Donnerstag beginnenden EU-Kanada-Gipfels gestrichen wurden. Die Episode zeigt, wie empfindlich die Hauptstädte inzwischen auf alles reagieren, was nach einer informellen Erweiterung der Union aussieht, gerade in einer Phase, in der um den EU-Haushalt ohnehin hart gerungen wird.
Rente: Drei Konflikte und ein Termin
Zu Hause bleibt die Rentenreform die Baustelle, die sich seit dem Ministerwechsel nicht geschlossen hat. Die Lage lässt sich inzwischen präzise beschreiben: Union und SPD müssen sich auf Änderungen bei der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren, der Absicherung von Minijobs und der Altersversorgung von Abgeordneten verständigen. Bundesarbeitsminister Alexander Schweitzer (SPD) soll bis Ende 2026 einen gemeinsamen Gesetzentwurf für das Kabinett vorbereiten, damit der Bundestag im ersten Quartal 2027 darüber abstimmen kann. Der Druck von der Gewerkschaftsseite ist dabei unübersehbar: Verdi-Chef Werneke fordert in den Funke-Medien einen Gesetzentwurf, „der auf die Anhebung des Renteneintrittsalters verzichtet" und „die Rente für besonders langjährig Versicherte mit 45 Beitragsjahren erhält". Zudem müsse das Rentenniveau bei 48 Prozent über das Jahr 2031 hinaus stabilisiert und ausgebaut werden. Seine Rechnung: Die rund zehn Milliarden Euro, die die Abschaffung der Rente mit 63 einsparen soll, entsprächen „ungefähr 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte beim Rentenversicherungsbeitrag". Der Minister selbst hält sich alle Optionen offen: Schweitzer hat kein fertiges Modell vorgelegt. Er hat weder erklärt, dass die bisherige Regelung unverändert bestehen bleibt, noch eine neue Altersgrenze oder andere Zugangsvoraussetzungen genannt.
Gerichtssaal, Zivilschutz, Bilanzen
Abseits der Politik erreicht ein Prozess, der das Land seit Monaten bewegt, seinen Höhepunkt. Im Fall Fabian plädierte die Anklage auf Mord und beantragte zudem die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld der 30-Jährigen. Die Angeklagte hat die Tatvorwürfe abgestritten. Am Freitag soll die Verteidigung plädieren. Das Urteil könnte damit bereits in der Woche vom 2. November fallen.
Dass Krisenvorsorge inzwischen Infrastruktur braucht, zeigt eine Eröffnung des Roten Kreuzes: Mit der Lagerung und schnellen Bereitstellung von Hilfsgütern soll der DRK-„Bevölkerungsschutz-Hub" für die nationale Krisenvorsorge eine Schlüsselrolle einnehmen und auch international schnell Hilfe bereitstellen können. Aus dem Einzelhandel kommt eine ungewöhnliche Meldung: Wegen Protesten am Samstag schließt Douglas zwölf Filialen, also am 31. Oktober. Und in einem Wildpark hat eine Wolfsattacke Ermittlungen gegen eine Mitarbeiterin ausgelöst.
Die Wirtschaft legt an diesem Tag ihre Karten auf den Tisch: Auf dem Terminkalender standen unter anderem Kion, Wacker Chemie, Volkswagen Group, Adidas, Aixtron, Drägerwerk und MTU Aero Engines mit Quartalszahlen, dazu Wirtschafts- und Industrievertrauen sowie Verbrauchervertrauen für den Euroraum. Gerade die Zahlen aus Wolfsburg sind das Thermometer für die Debatte um Verbrenner, Zölle und Standort, die der Kanzler in Asien führt.
Der Blick über die Grenzen
International dominiert der Nachhall der brasilianischen Stichwahl: Nach seiner illegalen Ausreise in die USA prangert der unterlegene brasilianische Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro „abscheulichen Wahlbetrug" der Linken an und will aus dem Ausland die Opposition in seiner Heimat anführen. In Israel ist das Ergebnis offen: Am Donnerstag wird das vorläufige amtliche Endergebnis erwartet. Schon jetzt ist erkennbar, dass die Verhandlungen über eine Regierungsbildung kompliziert werden dürften. Und aus Washington kommen Signale der Entspannung: Die US-Regierung und regionale Vermittler haben Medienberichten zufolge neue Anstrengungen für eine diplomatische Lösung des Konflikts mit dem Iran unternommen. In der Ukraine dagegen bleibt der Krieg Alltag: In der Frontstadt Oleschky laufen Vorbereitungen für eine Evakuierung.
Sources