Frostiger Kanzler, Selenskyj in Berlin, 3.000 Stellen bei Schaeffler: Der Dienstag, 3. November 2026

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Benjamin Lorenz AI-generated

Der Dienstag, 3. November 2026, beginnt mit dem Nachhall eines Abends, der länger dauerte als geplant, und endet mit einem Gast, der dem Kanzler die Außenpolitik zurück auf die Tagesordnung bringt. Dazwischen liegen eine Stellenstreichung in der Autozulieferindustrie, ein Streit um die Deutung der Halloween-Krawalle, ein zweiter Verhandlungstag in Berlin, der erst am 4. November stattfindet, und eine Rentenreform, die ihr Herzstück verliert, bevor sie überhaupt im Kabinett war. Der Bundestag bleibt still, die politische Musik spielt im Adenauer-Haus, im Kanzleramt und in den Konzernzentralen.

Adenauer-Haus: Was vom Montagabend übrig bleibt

Die Aussprache des Kanzlers mit den Kreisvorsitzenden seiner Partei hat die Erwartungen in einem Punkt übertroffen: in der Länge. Der Diskussionsbedarf war enorm, so groß, dass spontan die Tagesordnung geändert werden musste, damit mehr Zeit für die Debatte blieb. Drei statt der geplanten zwei Stunden wurden es am Ende. Der Tagesspiegel zieht eine zweischneidige Bilanz: Ein Scherbengericht gab es nicht, aber Merz hat den Unmut in seiner Partei in ganzer Breite zu spüren bekommen. Ein Teilnehmer beschrieb den Verlauf so: „Friedrich Merz war am Anfang ziemlich frostig, hat sich im Laufe des Abends aber gesteigert“, sagte ein Kreischef.

Inhaltlich setzte der Kanzler gleich zu Beginn ein Signal in Richtung Schloss Bellevue. Gleich zu Beginn seiner Rede kündigte Merz an, die Union solle eine Frau als Nachfolgerin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nominieren. Das ist mehr als eine Höflichkeit gegenüber der CSU, die seit ihrem Parteitag Ende Oktober die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner ins Spiel bringt. Die CSU unterstützt die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner, während Merz bislang keine Stellung bezogen hat. Wer am Montag genau hinhörte, erkannte: Merz hat sich auf das Geschlecht festgelegt, nicht auf den Namen.

Am 3. November wird aus der internen Aussprache eine öffentliche. Die Brandenburger Kreisvorsitzende Désirée Schrade legte per Podcast nach. Darin äußerte sich Désirée Schrade, CDU-Kreisvorsitzende aus Frankfurt (Oder). Sie habe Merz geschildert, dass man als Kandidatin vor Ort nur noch erfolgreich sein könne, wenn man sich von der Bundes-CDU abgrenze. Das rechtskonservative Portal Apollo News greift die Vorwürfe dankbar auf: Merz habe auf ihre Schilderungen „wirklich befremdlich“ und „fast so ein bisschen spöttisch“ reagiert. Eine Strategie gegen den Aufstieg der AfD habe Merz bei der Konferenz nicht präsentiert. Merz habe lediglich seine Absage an jede Zusammenarbeit mit der AfD bekräftigt. Die Zahl der Teilnehmer lässt sich einordnen: Die CDU hat knapp 330 Kreisverbände, von denen etwa die Hälfte zur Konferenz angemeldet war. Die Debatte über eine Trennung von Kanzleramt und Parteivorsitz, die im Vorfeld aufgekommen war, ist mit dem Abend nicht erledigt. Als mögliches Modell wurde angeführt, dass Angela Merkel den CDU-Vorsitz abgegeben und das Kanzleramt behalten hatte. Dass dieses Modell 2018 den Anfang vom Ende der Ära Merkel markierte, erwähnt in der CDU derzeit niemand laut.

Kanzleramt: Der ukrainische Präsident kommt zur Sicherheitskonferenz

Während die Partei noch über den Montag redet, wechselt der Kanzler am Dienstag das Fach. Das ZDF-Mittagsmagazin „heute – in Deutschland“ vom 3. November führt als erstes Thema: Merz empfängt Selensky Sicherheitskonferenz in Berlin. Der Besuch des ukrainischen Präsidenten fällt in eine Woche, in der die Nachrichtenlage aus der Ukraine düster bleibt; die Tagesschau in der Nacht zum 3. November meldete Tote nach russischen Luftangriffen auf die Ukraine. Für Merz ist der Termin eine willkommene Gelegenheit, als Staatsmann statt als bedrängter Parteichef aufzutreten – der Tagesspiegel notierte schon zum Montagabend, dass der Kanzler vor den Kreisvorsitzenden außenpolitisch und staatstragend gesprochen habe.

Parallel verschiebt sich die Weltlage im Nahen Osten. Der ZDF-Newsticker meldete am Nachmittag des 3. November unter anderem "Zum Jahresende: USA stoppen Israels Militärhilfe" sowie "Konflikt im Nahen Osten: Ölpreise steigen nach US-Angriffen". Und in Washington steht an diesem Dienstag die Zwischenwahl an: Midterms: Umfragen zufolge droht Republikanern der Verlust der Mehrheit im US-Repräsentantenhaus. Für die Berliner Sicherheitskonferenz ist das der Hintergrund, vor dem über Garantien für Kiew gesprochen wird.

Schaeffler: Die Zulieferkrise erreicht die Belegschaften

Die wirtschaftliche Nachricht des Tages kommt aus Franken. Das ZDF meldet: Krise bei Autozulieferer Schaeffler – Über 3.000 Stellen werden gestrichen. Der Abbau reiht sich ein in eine Serie, die seit Wochen den Zustand der deutschen Autoindustrie vermisst – Kurzarbeit, Leiharbeit, Werksschließungen. Dass es nun einen der größten Zulieferer trifft, ist mehr als eine Unternehmensmeldung: Schaeffler steht für jene Mittelstandsriesen, deren Geschäftsmodell am Verbrenner hing und die den Umstieg auf Elektromobilität teurer bezahlen als die Hersteller selbst.

Die Bundesregierung setzt derweil auf eine andere Erzählung. Beim Digitalgipfel, der am 2. November begann, legte die KI-Taskforce ihren Abschlussbericht vor. Deutschland drohe "trotz einer starken Ausgangsposition insbesondere in der Forschung" in eine Situation zu geraten, in der sich der Abstand zu den führenden KI-Standorten USA und China stetig vergrößere, heißt es im Abschlussbericht der KI-Taskforce der Regierung, der beim Digitalgipfel vorgelegt wurde. Das Zeitfenster ist eng bemessen: Nach Erwartung der Bundesregierung werden die nächsten eineinhalb Jahre darüber entscheiden, ob Deutschland im internationalen KI-Wettbewerb den Anschluss hält. «Das Zeitfenster, um diesen Abstand zu verringern, schließt sich bald», heißt es im Abschlussbericht der KI-Taskforce der Regierung, der beim Digitalgipfel vorgelegt wurde. Die Computerwoche fasst die Zielmarken zusammen: Viermal mehr Rechenleistung, 200 Milliarden an Investitionen – Bundeskanzler Friedrich Merz will Deutschland bis 2030 zur KI-Nation umbauen. Der Kanzler selbst gab die Richtung vor: "Wir können und ich finde, wir müssen in Deutschland und in Europa viel schneller und besser darin werden, digitale Technologien zu entwickeln und sie auch wirklich zu nutzen", sagte Merz beim Digitalgipfel der Bundesregierung in Berlin. Zugleich warnte er vor Überhitzung: Selbst Vertreter der KI-Branche selbst würden laut Merz inzwischen vor Blasenbildung und "unkontrollierbaren Risiken" warnen. Dass am selben Tag ein Zulieferer Tausende Stellen streicht, macht den Kontrast zwischen Rechenzentrum und Werkhalle greifbar.

Rente: Das Herzstück rutscht ins nächste Jahr

Die Rentenreform, die seit Wochen ohne Gesetzentwurf auskommt, hat am 3. November einen weiteren Zeitplan bekommen – und ein Teil davon ist eine Absage. Das rechtskonservative Portal Nius zitiert aus einer Rede des Kanzlers bei der Industrie- und Handelskammer Berlin: Wörtlich sagte Merz: „Und wenn wir die große Rentenreform jetzt in den wesentlichen Teilen noch vor Weihnachten im Kabinett verabschieden – im rentenrechtlichen Teil ausformuliert, im kapitalmarktrechtlichen Teil in den Eckpunkten festgelegt –, dann gehen wir in das neue Jahr 2027 mit (…) einem Paradigmenwechsel.“ Die Übersetzung liefert Nius gleich mit: Der klassische Teil der Rentenreform solle noch als Gesetzentwurf in diesem Jahr beschlossen werden, die Aktienrente nicht mehr – lediglich in Eckpunkten. Das deckt sich mit dem Zeitplan, den die Koalition seit Ende Oktober verfolgt: Die politische Zielmarke lautet: Kabinettsbeschluss bis Ende 2026, Bundestagsbeschluss im ersten Quartal 2027. Ein fest zugesagter Veröffentlichungstermin für einen innerhalb der Regierung abgestimmten Entwurf ist damit nicht verbunden. Wer sich erinnert, dass die Frühstart-Rente bereits am 25. September in erster Lesung beraten wurde, erkennt das Muster: Die kleinen Bausteine kommen, der große bleibt Ankündigung.

Frankfurt: Wer waren die Randalierer?

Die Halloween-Nacht beschäftigt die Innenpolitik auch am dritten Tag danach – jetzt in Form eines Deutungsstreits. Nach den Ausschreitungen vom Wochenende reagiert die Gewerkschaft der Polizei (GdP) mit Unverständnis auf Kritik an der Zuordnung der Taten zu jungen Männern aus dem "migrantischen Milieu". Damit ist die Frage, die in den sozialen Netzwerken seit dem 1. November tobt, in der offiziellen Debatte angekommen: Darf die Polizei die Herkunft der Täter benennen, und was folgt daraus? Dass die Polizeigewerkschaft hier die Flucht nach vorn antritt, ist ein Hinweis darauf, wie wenig Lust die Beamten haben, nach einer Nacht mit Plünderungen auf der Zeil als Verursacher einer Stigmatisierungsdebatte dazustehen.

Von der Straße in den Gerichtssaal: Die Tagesschau kündigte den Prozessauftakt nach Amokfahrt in Leipziger Fußgängerzone an, und der ZDF-Ticker meldete am Nachmittag eine Großaktion: "1.000 Beamte im Einsatz: Razzia gegen \"Crime as a Service\"". Dazu kommt aus Hamburg der Fortgang eines Verfahrens, das die Boulevardpresse seit Monaten beschäftigt: Mutmaßliche Kindesentführung: Hambuger Block-Prozess.

Berlin: Verhandlungsraum mit Haushaltsloch

In der Hauptstadt ist der erste Verhandlungstag vorbei, der zweite steht an. „Wir hatten heute sehr gute Gespräche“, sagte Linke-Fraktionsvorsitzende Elif Eralp nach dem ersten Verhandlungstag im Abgeordnetenhaus. Dabei sei es insbesondere um den Landeshaushalt gegangen. „Und es ist völlig klar, dass es sehr große Herausforderungen gibt“, räumte die Linke-Politikerin ein. Die Struktur ist aufwendig: „Diese 14 Facharbeitsgruppen bestehen aus sehr, sehr vielen Parteimitgliedern, über 100 Mitglieder in jeder Partei.” Das nächste Treffen der Verhandlungsführer ist für Mittwoch, 4. November, angesetzt. Die Grünen-Landesvorsitzende Nina Stahr versuchte, die Skepsis gegenüber dem Linksbündnis zu entkräften: „Man muss nicht AfD wählen, um auch endlich wieder nach vorne zu kommen, sondern es kann auch besser gehen mit einer progressiven Regierung.“ Die Last der Vorgeschichte bleibt: Erschwert wurden die bisherigen Gespräche der drei Parteien durch Diskussionen über das richtige Vorgehen gegen Antisemitismus. Anlass waren mehrere Vorfälle bei der Linke, die bundesweit Kritik provoziert haben. Und bei den Grünen rumort es intern: Der Tagesspiegel berichtet über Kritik an der Besetzung des eigenen Verhandlungsteams unter der Überschrift „Ostdeutsche gehören an den Tisch“.

Am Rande: Palmer, Lagarde und ein Fußballabend

Zwei Personalien runden den Tag ab. Der ZDF-Ticker meldete: Tübingens Oberbürgermeister: Palmer lässt Berateramt ruhen. Und auf europäischer Ebene beginnt ein Rennen, das Berlin unmittelbar betrifft: Lagarde-Nachfolge bei der EZB: Länder müssen Kandidaten benennen. Am Abend verlagert sich die Aufmerksamkeit nach Südeuropa: Der FC Bayern München ist um 21.00 Uhr in der Champions League in einem sehr schweren Auswärtsspiel gefordert. Gegner ist Atlético Madrid, der VfB Stuttgart spielt zeitgleich in Istanbul.


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